Sonntag, 12. August 2018

Wie sieht eine Läuferin aus?



Nach einigen Wochen will ich jetzt endlich wieder etwas im Blog schreiben. Auf Instagram war ich recht präsent, aber im Blog hatte ich weder recht die Muse, noch die Zeit, einen ordentlichen Blogpost zu verfassen.
Das hole ich jetzt nach :) . Mit einem Thema, was mich selbst immer wieder zum Verzweifeln bringt.






Aber erst ein kurzes Update, was im Training so läuft.

Berlin....


Ich bin derzeit am Ende der 5. Trainingswoche für den Berlinmarathon 2018. Diese Woche habe ich 120 Km geschafft, was ziemlich verrückt klingt, finde ich. Aber es fühlte ich gar nicht so viel an. Bis jetzt läuft es ganz gut, auch wenn die Wärme das Training nicht gerade leicht gemacht hat.

Die kommende Woche wird eine Regenerationswoche und bald ist das gröbste im Training 
auch schon fast vorbei. Was dabei herauskommt, wird sich am 16.09.2018 zeigen. Ich werde mich nicht mehr zu öffentlich geäußerten Zielen, was die Zeit angeht, hinreißen lassen. Die wichtigen Menschen um mich herum wissen, was in mir an Gedanken vor sich geht. Der Rest lasse sich bitte überraschen (natürlich nur positiv ;) ).

Ich bin es einfach leid, mir von zu vielen Menschen ungefragt Ratschläge und Meinungen anhören zu müssen und teilweise behandelt zu werden, als hätte ich keine Ahnung was ich eigentlich mache und hätte bei meinen bisherigen guten Marathons einfach nur Glück gehabt.
Ich lese derzeit viele Bücher, Blogs und Artikel über das Marathontraining und bilde mir meine eigene Meinung daraus. Schließlich ist ja jeder anders. Mit meinem Steffny Plan bin ich aber wieder ganz zufrieden.
Im Moment lese ich Endure von Alex Hutchinson.... ich bin gespannt, was ich sagen kann, wenn ich es durch habe. Auf Englisch ist es schon etwas anspruchsvoller ans andere Bücher. Vielleicht bin ich danach ja weniger verkopft beim Wettkampf.


I don't belong here....


Ich hatte im Frühjahr eine nicht ganz so gute Zeit, was Wettkämpfe angeht. Hauptgrund  
war, dass ich mich gern mittels Selbstzerfleischung und Erinnerung an nicht so glanzvolle Sportstunden meiner Kindheit und Jugend selbst fertig gemacht habe. Dazu aber vielleicht in einem kommenden Blogartikel mehr.

Ich wünschte, ich könnte voller Selbstbewusstsein sagen, dass das vorbei ist und ich über allem stehe... doch ganz so einfach ist das nicht, eingeschliffene Denkmuster zu verändern. Aber ich arbeite daran.

Wie ich in meinem Bericht zum Citylauf in Dresden schon geschrieben hatte, fühle ich mich oft nicht so recht zugehörig im Läuferfeld. Erst recht nicht in schnelleren Startblöcken.

Allie Kieffer, eine US Läuferin mit einer Bestzeit von 2:29:39, (wer sie nicht kennt sollte ihr bei Instagram folgen) schrieb in einem älteren Blogpost 

"My fear is that I’ll make it, but look like a Warthog amongst Antelopes"

Was soviel heißt wie : Meine Angst ist, es zu schaffen (Thema waren nationale Meisterschaften), aber auszusehen wie ein Warzenschwein unter Antilopen.

Das klingt hart? Ja. 
Das tut schon beim lesen weh? Ja. 
Und noch mehr, wenn man es sich selbst sagt. Und doch glaube ich, dass viele von euch das Gefühl kennen. Auch wenn vielleicht kein Warzenschwein das Identifikationstier ist.
Ich ersetzte es für mich mit: Gnu oder Rind
Ich zumindest habe mich bei diesem Zitat total verstanden gefühlt. 

Allie ist in den letzten Monaten eins meiner Vorbilder in Sachen Laufen geworden, auch wenn ihre Leistungen für mich natürlich unerreichbar sind. Sie kämpft für ein ausgeglicheneres Bild von Läuferinnen und Läufern. Gegen Magerwahn und Essstörungen im Leistungssport. Gegen Vorurteile. Ich will hier gar nicht über ihr Aussehen schreiben, denn das tut nichts zur Sache. 

Eines ihrer wichtigsten Zitate für mich ist, dass ihre Stärke als Läuferin nichts mit ihrem Gewicht zu tun hat. Für mich ist Stärke ist alles, was uns ausmacht, Innen und Außen.

Wenn es um bestimmt Zielzeiten geht und um einen einzeln für sich betrachteten Sportler, ist es in vielen Fällen durchaus so, dass zu viele überflüssige Fettkilos sich auf die Zielzeiten auswirken. 
Aber was genau ist überflüssig? 
Wie ist der Körperbau an sich? 
Wie viel der Körpermasse ist eigentlich Fett? 
Darf man sich als Außenstehender überhaupt ein Urteil darüber erlauben, wie ein Sportler auszusehen hat? 
Oder darüber, was die Ziele desjenigen Sportlers sind? 


Wo Reibung ist....


Ich kenne männliche Läufer, die bei Fragen in Foren, was man gegen das Wundscheuern zwischen den Oberschenkeln von Frauen tun kann, einfach antworten: abnehmen.
Punkt. Ende der Diskussion. 
Dass es unterschiedlich breite Hüften und dadurch auch unterschiedliche Abstände der Beine gibt... wen juckt's. Ok, die Betroffene juckte es scheinbar. Aber sie soll halt erstmal abnehmen, so seine Meinung. Ziemlich einfach, jede Frage eines Laufanfängers mit "nimm erstmal ab" niederzuknüppeln.

Dass eine super schlanke Freundin von mir sich die Beine regelmäßig wundscheuert und ich nicht, obwohl meine Oberschenkel doppelt so breit wie ihre sind, wollte ich dem betreffenden Herren irgendwie nicht sagen. 
Mit vielen Leuten macht ja diskutieren auch Null Sinn. 
So viel zum Thema Reibung.Meine Antwort wäre übrigens: "Tu Vaseline drauf." gewesen. Also auf die Oberschenkel. Wegen dem Reiben....
Ach, hört auf zu Grinsen ;)

Aber ich Moppel schaffe es ja auch, mich an meinen wahnsinnig übergewichtigen Achseln und an den Schultern aufzulaufen... ;)



What a ... looks like


Das Bild, was viele von Läuferinnen (vor allem halbwegs trainierten Marathon-Läuferinnen)
 haben, ist ein ziemlich einheitliches. So dünn und zierlich wie möglich. 
Ein Bekannter sagte mir mal, dass im Lauftreff einige gesagt hätten, dass ich ja gar nicht so aussehe, als könnte ich 3h13min im Marathon laufen. Gar nicht so dünn.
Ich glaube, er wollte mir damit irgendwie Mut machen, mir sagen, wie stark ich doch trotz meiner "Masse" bin.... in seiner Logik.
Für mich macht so etwas den Gang zur Startlinie nur noch schwerer. Ich laufe jetzt seit 5 Jahren Wettkämpfe. Und schon relativ schnell habe ich gemerkt, dass ich nicht dem Ideal entspreche. Andere werden von der lokalen Presse fotografiert und interviewt, obwohl sie nach mir im Ziel sind. Auf Wettkampfbildern bin ich selten abgebildet.
Und welch Wunder: kaum nehme ich einige Kg ab, geht die Zahl der Wettkampfbilder, auf denen man drauf ist, hoch. Aber hey: Wir sind doch nicht oberflächlich!

Ich gebe es hier jetzt einfach zu: 

Ja, ich habe Oberschenkel.
Und einen Hintern.
Seit 2 Jahren traue ich mich, im Sommer in Shorts zu laufen. Und auch heute fühle ich mich an schlechten Tagen damit irgendwie unwohl. 
Mittlerweile mag ich aber das Gefühl, den Wind an den Beinen zu spüren viel zu sehr, als dass ich auf irgendwelche fragilen Gemühter, die Anstoß an meinen Beinen nehmen könnten, Rücksicht nehme. 

Ich koche und esse sehr gern. Und ich nehme nach einem Marathon in der Offseason 
etwas zu. Das ist kein Grund zu munkeln, ob ich schwanger bin.
Und nein, die von vielen auf Instagram so wunderschön in der Morgensonne dargestellten Zucchininudeln mit Blütengarnitur und Chia-Tomatensoße machen mich nicht satt und glücklich. Sondern frustriert und nach 30 min wieder hungrig.

Der weibliche Teil meiner Familie hatte, seit ich mich erinnern kann, weibliche Formen. Und wisst ihr was? Sie waren immer großartige, intelligente, liebevolle, sportliche und wunderschöne Frauen, hatten alle großartige Männer, waren liebevolle, unternehmungslustige Mütter und Großmütter. 
Und ich habe unendlich viel von ihnen gelernt.
Dass mein Körperbau jetzt vielleicht nicht perfekt für eine Langstreckenläuferin ist? Geschenkt. Ich bin gesund und glücklich.
Und dafür, dass mir es keiner so recht zutraut, habe ich schon ganz gute Zeiten erlaufen. 



Ein Mensch (und sogar ein Läufer) ist deutlich mehr als Aussehen, Figur und Gewicht. Jeder für sich. Mit allen Talenten, seinem Willen, seiner Geschichte und vermeintlichen Makeln, die zu Stärken werden können. Einfach einzigartig.