Sonntag, 22. Mai 2016

Laufbericht Rennsteiglauf Supermarathon 2016 - How bad do you want it?



Schild Großer BeerbergGestern war der 44. Guts-Muths Rennsteiglauf. Ich lief den Supermarathon über 72,7 Km. Noch tut alles weh, ich habe ständig Hunger und Durst und habe keine Ahnung, wie ich von der Couch aufstehen soll.
Optimale Voraussetzungen, um das Erlebte frisch in einen Blogpost zu verarbeiten ;) .





Wie kam es dazu?


Ursprünglich wollte ich den Marathon bei dieser Veranstaltung laufen, nachdem Rodgau 50 aber so gut gelaufen war, war ich überredet mit beim Rennsteiglauf Supermarathon zu starten. Ursache (Rodgau50) und Wirkung (Rennsteiglauf Supermarathon) stehen hier jetzt im Nachhinein gefühlt in keinem Zusammenhang ;).  Aber egal.
Die Vorbereitung lief bis zum Oberelbe Marathon sehr gut, danach war ich etwas angeschlagen, wie ich schon im Blogpost Arschbacken zusammenkneifen, Spätzchen beschrieben hatte.

Was bis zum Start geschah....


Nach einer stressigen Arbeitswoche reisten wir mit dem Wohnmobil an und parkten auf dem Parkplatz des Elisabeth-Gymnasiums . Wir holten die Teilnehmer Unterlagen ab, aßen zu Abend und gingen, nachdem ich etwa eine Stunde lang meine Sachen fürs „Rennen“ vorbereitet hatte, schlafen.
Um 3 klingelte der Wecker und ich quälte mich heraus. Nachdem ich angezogen war, ging 
ich zum Frühstück ins Gymnasium und war etwas erschrocken, wie einschüchternd, diese ganzen Sportler auf mich wirkten. Immer wieder komisch.
Eisenach Marktplatz Start Rennsteiglauf Supermarathon
Marktplatz in Eisenach - Start des Rennsteiglauf Supermarathons

Ich machte mich lauffertig und fuhr mit dem Shuttlebus in die Stadt zum Start. Dort traf ich @Lennetaler , @FrauLaufstrumpf und @trailrunnersdog vom #twitterlauftreff am Brunnen und schon bald ging es los.
Ich hatte mich im Voraus dem Herrn @Lennetaler (Thomas) als Mitläuferin aufgequatscht.... ein perfekter Schachzug ;).






Die Strecke, der Lauf und ich


Erstes Drittel: was hab ich mir nur angetan?


Wir liefen vom Markt in Eisenach los am Hang hinauf. Links und rechts blühende Wiesen und ein toller Ausblick über Eisenach.
Laut Höhenprofil gingen die ersten 25 Km kontinuierlich bergauf bis zum Großen Inselsberg. Den hatte ich gestern schon von der Autobahn gesehen.... er war schon bissl furchteinflössend!
Wir liefen durch schöne Waldwege inmitten von Laubwäldern. Es dauerte einige Km, bis sich das Läuferfeld etwas entzerrt hatte und man nicht ständig irgend jemanden beim Schwingen der Arme traf.
Ich brauchte etwa 12 Km, um in den Tritt zu kommen. Ich konnte mir zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht vorstellen, diesen Lauf zu beenden. Es fiel mir schwer, locker zu laufen.

Kurz vor dem Großen Inselsberg kam noch eine wirklich fiese, steile Steigung. Wir wanderten nach oben und sahen schon bald den Turm auf dem Großen Inselsberg. Und einen Ausblick, der irgendwie mit einem Schlag die bisherige Anstrengung vergessen ließ.








Blick von Großer Inselsberg
Blick vom großen Inselsberg
Weiter ging es Richtung Grenzwiese, wo mein Vater das erste Mal an der Strecke stehen wollte. Bis dorthin ging es sehr steil bergab. Zum Glück waren unsere Beine noch halbwegs frisch und wir kamen heil unten an.

Gut verpflegt, um das Langarmshirt erleichtert und dank familiärem Beistand ging es weiter.







Das 2. Drittel: sollte das jetzt nicht besser werden als das erste Drittel?


Rennsteiglauf Supermarathon StreckeIch dachte, das 2. Drittel geht besser, fließt so bissl vor sich hin und ich kann es einfach rollen lassen. Leider hatte ich bei Km 35 einen ziemlichen Durchhänger. 
Hunger. Leider irgendwie übergangen, äußerte er sich jetzt mit schweren Beinen, Magenknurren und völliger Mutlosigkeit. Das war übel. Thomas ertrug mich sehr tapfer, während ich mich mit Gel, Müsliriegel und Iso aus dem Trinkrucksack wieder aufpäppelte. Nach einigen Minuten merkte ich, dass es besser ging und wir liefen weiter. Nach einigen Km, bei Km 40 an der Neuen Ausspanne traf ich das nächste Mal meinen Vater an der Strecke. Noch etwas angeschlagen vom Hungerast war ich froh, dass ich den Berg hinunter laufen konnte und wechselte nur einige Worte und fühlte mich sofort besser.
Blick auf Skiarena Oberhof Rennsteiglauf SupermarathonWeiter ging es Richtung Grenzadler, der Möglichkeit, an der ich hätte mit Wertung aussteigen können. Nach einem sehr knackigen Anstieg zu den Neuhöfer Wiesen ging es recht gleichmäßig Richtung Grenzadler bei Oberhof. 
Es war sehr erhebend, direkt neben der Wintersport-Arena einzulaufen. Ich nahm meinem Vater das Plüschtier ab, was die nächsten 19 Km mit mir zusammen auf der Strecke sein würde, aß ein Butterbrot und so trotteten wir weiter. Ein wirklicher Gedanke, dort auszusteigen, kam mir nicht. Es lief ganz ok, zwar merkte ich die Km schon deutlich in den Beinen, aber das darf man nach 54 km ja auch.


Das dicke Ende oder: Es zieht sich wie Gummi


Rennsteiglauf Supermarathon Weg zum Beerberg
Total euphorisch liefen wir weiter. Wir hatten noch den Großen Beerberg bei Km 61 vor uns, den höchsten Punkt der Strecke. So langsam hatten wir beide diverse Wehwehchen, die sich abwechselten. Und die letzten Km zogen sich sehr. Bis zum Großen Beerberg war die Strecke nicht wirklich schön, Baumrückschneisen machten einen großen Teil des Weges aus. 










Angekommen am höchsten Punkt machten wir ein Foto und trotteten weiter hinunter nach Schmücke zum nächsten Verpflegungspunkt. Alle sahen sehr müde und gezeichnet aus. Gleichzeitig wussten wir, dass wir es schaffen würden. Noch eine kleine Erhebung und dann ist das Ziel schon fast da....

Schild Großer Beerberg Rennsteiglauf SupermarathonNach dem letzten Getränkepunkt am Kreuzwege bei 68,4 Km ging es nur noch bergab. Wir zogen etwas an, so gut es noch ging. Die Kilometer zogen sich wie Gummi. Das, was man sonst ohne Probleme schnell in der Mittagspause abhoppelt, zog sich gefühlt mindestens über einen Halbmarathon hin. Immer bergab bis in den Ort Schmiedefeld, wo wir durch ein Wohngebiet hindurch auf dem Sportplatz einliefen.

Nach knapp 8:55 waren wir im Ziel der 72,7 Km langen Strecke mit 1800 Höhenmetern. Glücklich, zufrieden, hungrig und durstig konnten wir es kaum glauben. Wir sind durch!




Was hattest du denn erwartet?


Der Rennsteiglauf Supermarathon war vorher für mich so unvorstellbar, dass
Rennsteiglauf Supermarathon Biber
Mein Kumpel für die letzten Kilometer
ich 
keine wirkliche Vorstellung davon hatte. Ich bin überglücklich, es durchgehalten zu haben.
Es war die größte körperliche Herausforderung, die ich je bewältigen musste. Und wichtiger als das körperliche noch: psychisch ist es eine Reifeprüfung.... How bad do you want it?

Ich bin Thomas so dankbar, dass er diesen langen Kanten mit mir gelaufen ist, ich hätte es wohl abgebrochen ohne ihn. Fast 73 Km und 1800 Hm allein zu laufen mit nur 50 Km als Ultraerfahrung hätte ich mir sonst vermutlich nie zugetraut.




Irgendwas, das bleibt?



Rennsteiglauf Supermarathon Weg
Der Schmerz geht, der Stolz bleibt“ stand auf dem Shirt einer Läuferin auf der Strecke. Und dieser Satz ist so wahr. Ich hatte vorher allen versprochen, aufzuhören, wenn es körperlich nicht mehr geht. Dazu ist es glücklicherweise nicht gekommen.
Ich glaube jetzt mit einem kleinen Abstand, dass mein größtes Problem die Psyche war, ich hatte Angst davor. Auch während dessen. Und ich bin bis Km 40 wohl nicht davon ausgegangen, dass ich es zu Ende laufen würde. Mit der Zeit kam das Selbstvertrauen (und ganz viel mimimi). Ich muss noch viel lernen, was die Geschwindigkeitseinteilung für Ultraläufe angeht.... es ist definitiv nicht zu vergleichen mit einem Marathon.


Without you I'm nothing....

Rennsteiglauf Supermarathon SchildSo viele Menschen aus meinem Umfeld haben mich die ganze Zeit unterstützt und ertragen in der Vorbereitungsphase. Mich aufgebaut, mir Schokolade und gelegentlich ein Bier gegeben und meine Mimimi-Alles-Ist-Doof Monologe angehört. Ihr habt mir zwar gesagt, dass ich verrückt bin, aber mich voll unterstützt.
Danke an meinen Vater für die tolle Unterstützung an der Strecke, die aufmunternden Worte, das Lächeln, du warst toll!
Danke an Mann, der mich bei so vielen Läufen unterstützt hat, mir Mut macht und immer an mich glaubt und mich aufbaut, egal wie schwierig es manchmal ist, mich nach einem Longrun zu ertragen.
Ich danke meiner Mutter für viele aufmunternde Telefonate, lieben Worte und das mitfiebern.
Und natürlich allen Freunden, Kollegen, Verwandten, die mich ertragen, unterstützt, motiviert und an mich geglaubt haben, egal, wie bescheuert der Gedanke an so einen langen Lauf euch zu sein scheint.

Ich weiß nicht, ob ich mir den Rennsteiglauf Supermarathon noch einmal gebe. Ich mache mir mit etwas Abstand dazu noch einmal Gedanken. Ich bin unendlich glücklich, es durchgezogen zu haben. Trotz der Entbehrungen, Schmerzen und zeitlichen Einschränkungen in der Vorbereitung. Es ist eine Erfahrung, die ich nie vergessen werde! 

Rennsteiglauf Supermarathon  Höhenprofil
Höhenprofil Rennsteiglauf Supermarathon Quelle: Runalyze.com